- Der Kaffeemacher - Jungunternehmer bringt eine alte Röstmaschine wieder in Schwung – und
mit ihr sein Café in Neuburg
(Von Veronika Eckl)
Neuburg – Der alte Probat-Röster schnauft und ächzt. Sein eiserner Bauch ist gerade mit fünf Kilogramm rohen grünen Kaffeebohnen aus Äthiopien gefüttert worden, die Gasbrenner arbeiten auf Hochtouren. Andreas Lettenmayer lauscht dem Dröhnen so verliebt, als wär’s Musik. Und er schnuppert genießerisch, obwohl sich keineswegs der Duft nach frischem Kaffee im Raum verbreitet, sondern der typische säuerliche Geruch, der beim Rösten der Bohnen entsteht.
In Neuburg an der Donau trinkt man Kaffee wieder so wie anno dazumal: in der Trommel geröstet. Dank des Sprösslings der Parfümerie-Dynastie Lettenmayer, der ein passionierter Kaffeetrinker ist und jahrelang zuhause in der Küche mit verschiedenen Sorten experimentierte: „Ich habe bestimmt 150 verschiedene Espressi ausprobiert – 130 davon sind schlecht“, sagt der 34- Jährige mit dezenter Verachtung in der Stimme. Schon lange hatte der gelernte Einzelhandelskaufmann mit der Idee gespielt, den alten Röster wieder anzuwerfen, der bei seinen Eltern im Keller stand. Der Probat-Röster, eine Rarität, die anno 1953 im Neuzustand
den Wert eines Kleinwagens hatte, seufzt auf und schnauft noch angestrengter.
Lettenmayer holt ein paar Bohnen aus der Trommel und betrachtet sie kritisch:
Nach fünf Minuten nehmen sie eine gelbliche Farbe an, dann löst
sich das dünne Häutchen, das sie umgibt, nach acht Minuten
werden sie fleckig. Nach etwa fünfzehn Minuten Röstzeit bei
180 Grad beginnt das Finale: Es prasselt und knattert, als würden
kleine Silvesterraketen explodieren. „In den letzten 20 Sekunden
entscheidet sich, ob ein Kaffee gut oder schlecht wird. Man muss wissen,
wann man ihn rausholt“, raunt Lettenmayer – um mit einem
entschlossenen Ruck dem fauchenden Ungetüm einen kleinen Berg schöner,
glatter, glänzender Bohnen zu entreißen. Noch abkühlen
muss er und mindestens 24 Stunden ruhen – dann ist er fertig, der
Mokka Sidamo.
Das Kaffeerösten kann man nicht lernen, es ist kein Ausbildungsberuf
und es gibt kein Handbuch. Man braucht lediglich eine Röstgenehmigung
vom Zollamt. „Die kriegt jeder, der eine steuerlich weiße
Weste hat“, sagt Lettenmayer. Die Rezepturen, die Geheimnisse aber,
die werden von Generation zu Generation weitergegeben – oder man
experimentiert, wie Lettenmayer, selbst. So wie er produzierten im Jahr
1950 noch 5000 Röstereien in Deutschland ihren Kaffee, heute sind
es noch rund 150, in Bayern dürften es allerhöchstens zwanzig
sein. Die großen industriellen Röstereien haben den kleinen
Betrieben den Garaus gemacht. Um Zeit und Energie zu sparen, rösten
sie die Bohnen mit Heißluft nur zwei Minuten lang auf 500 bis 600
Grad, „dann ist der Kaffee zwar braun, aber es ist noch viel zu
viel Säure drin – eine absolute Zumutung für empfindliche
Mägen“, erklärt Lettenmayer, der schon viele Gesundheits-Teetrinker
wieder zum Kaffee bekehrt hat.
Im Moment, meint er, erlebten die
privaten Röstereien jedoch wieder
einen kleinen Boom – besonders junge Existenzgründer hätten
mit dieser Geschäftsidee Erfolg. Das Café Barista jedenfalls
mit seinen zwei Tischchen, den alten silbernen Kaffeeschütten und
den „Fette-Kaffeeweiber“-Bildern der Künstlerin Ute
Patel Missfeldt ist rappelvoll. „Manchmal ist mir das fast unheimlich,
wie viel Zulauf ich hab’“, sagt Lettenmayer. Seine elf Kaffeesorten
verkaufen sich prächtig, ebenso wie die italienischen Amaretti,
das Bio-Olivenöl aus Sizilien, die belgische Schokolade und die
vielen verschiedenen Spirituosen, die das Angebot ergänzen. Dass
das Kilo Kaffee mit rund 14 Euro deutlich teurer ist als im Supermarkt,
stört Lettenmayers Kunden nicht, wenn sie Schlange stehen, um den
von ihm kreierten Espresso oder um die „Neuburger Mischung“,
die noch auf ein Rezept von Franz Auer zurückgeht: „Von der
viel beschworenen Wirtschaftskrise merke ich nichts“, sagt der
erfolgreiche Jungunternehmer.
Er experimentiert weiter
mit verschiedenen Kaffeebohnen bester Qualität,
die er aus der Hamburger Speicherstadt bezieht. Wenn er dann wieder ein
paar Stunden lang hinten im Lager mit dem Röster gekämpft hat,
dann verbreitet sich endlich auch der herrliche Geruch nach frischem
Kaffee. Schwebt über ganz Neuburg an der Donau bis hinunter zum
Bahnhof. „Dann sagen die Leute: ,Aha, der Lettenmayer röstet
wieder‘“, erzählt der Kaffeemacher. Und sieht irgendwie
ziemlich zufrieden aus.